Bayern und die Asyldebatte - eine Reportage für Euronews


Wir schreiben das Jahr 2015. Zehntausende Flüchtlinge und Migranten erreichen Ungarn, ziehen weiter nach Österreich. Doch ihr Ziel ist: Deutschland.

Drei Jahre später. Derselbe Ort. Wir sind in Bayern, in Pfenningbach. Das kleine Dorf liegt ganz in der Nähe der österreichischen Grenze. Etwa 300 Menschen leben hier. Die Pfenningbacher sind sich einig: Das leerstehende Gebäude soll kein Heim für hundert Asylbewerber werden.

Christian Erntl ist einer der Mitbegründer der örtlichen Bürgerinitiative, die sich dagegen wehrt. Migranten sind heutzutage weniger willkommen in Deutschland. Um zu verstehen, warum, fahren wir mit Christian in den Wald hinter Pfenningbach. Dort will er uns etwas zeigen:

"Ja hier in dem Bereich haben wir schon überall Rucksäcke gefunden und Kleidungsstücke. Auch den Weg hoch und rauf in den Wald, überall dort waren die Rucksäcke und Kleidungsstücke verteilt", sagt Christian Erntl.

Euronews-Reporter Hans von der Brelie: "Es kam dann ja auch eine Gruppe direkt zu Ihnen, abends um 22 Uhr?"

Christian Erntl: "War sogar a bisserl später, so gegen 23 Uhr, da kam eine Gruppe von ca. zwanzig Personen, eine Großfamilie aus Syrien, die haben bei uns dann an der Haustüre geläutet, haben um Hilfe gebeten, wollten telefonieren."

Euronews: "Ja, Sie haben erzählt, hier lagen die halbverbrannten, zerrissenen Dokumente, Kleider. Warum haben die Menschen das zerrissen und verbrannt hier an der Stelle?"

Christian Erntl: "Hier an der Stelle? Damit sie nicht nach Griechenland oder Ungarn zurückmüssen. Dort, wo sie als Erstes registriert wurden, sondern damit sie in Deutschland als 'Erstes' registriert werden, damit sie hier bleiben können."

Euronews: "Sie sind Friseur, Sie reden mit vielen Leuten hier, wie ist denn die Stimmung hier?"

Christian Erntl: "Es soll kontrolliert werden, wer ins Land kommt. Das ist meine Meinung. Um einfach zu kontrollieren: Ist jemand asylberechtigt? Ist er bedürftig oder nicht? Jemand, der nur aus wirtschaftlichen Gründen das Land verlässt und nach Deutschland kommen will, und hier ein schönes Leben haben möchte, den sollte man wieder zurückweisen, und das muss man eben an den Grenzen machen."

Abgelehnte Asylbewerber in Ingolstadt

Ingolstadt ist eine dieser blühenden bayerischen Städte mit Vollbeschäftigung. Nur wenige Kilometer außerhalb in Manching liegt diese bewachte Container-Siedlung. Viele abgelehnte Asylbewerber aus den Westbalkanstaaten leben hier. Die Regierung möchte, dass diese Menschen in ihr Herkunftsland zurückkehren.

In den vergangenen knapp drei Jahren sind 2500 Flüchtlinge aus Manching – mit finanzieller Unterstützung – wieder freiwillig in ihre Heimatländer zurückgekehrt, weitere rund 1000 wurden abgeschoben. Allerdings versuchen auch immer wieder Flüchtlinge, sich ihrer Abschiebung zu entziehen. Thomas Schmid, Leiter der Einrichtung, spricht davon, dass seit September 2015 rund 800 Bewohner verschwunden seien und zumindest in Bayern nicht wieder aufgetaucht sind.

Deutschland verschärft die Regeln für Asylbewerber. Künftig sollen sie zentral, in sogenannten Anker-Zentren untergebracht werden. Mit einem Infobus kommen freiwillige Helfer, sie vermitteln Kontakte zu Anwälten. Und sie sammeln Informationen über die Situation im Lager.

Aus Furcht vor Abschiebung verlassen manche Migranten Bayern Richtung Norden, so auch Dragans Frau. Die Familie kommt aus dem früheren Jugoslawien:

"Als wir die zweite ablehnende Entscheidung des Gerichtes auf unseren Asylantrag bekommen haben, da hat meine Frau große Angst bekommen, hat die Kinder mitgenommen und ist gegangen, abgereist in die Niederlande. Wir wissen nicht, wohin wir gehen, was wir machen sollen. Meine Frau will die Kinder schützen", erzählt Dragan Komatec.

Neues Konzept: Ankerzentren in Bayern

Jetzt im August macht Bayern Ernst, die ersten Ankerzentren gehen in Arbeit. Pro Standort werden bis zu 1500 Asylbewerber kaserniert und müssen bis zum Ende ihrers Verfahrens dort bleiben. Für Familien soll der Aufenhalt nicht länger als sechs, für Alleinstehende nicht länger als 18 Monate dauern. Wer nicht in Deutschland bleiben darf, soll direkt abgeschoben werden. Flüchtlingshelfer lehnen das neue Konzept strikt ab. Bereits die heutigen Provisorien seien ein Skandal.

Euronews: "Ja, ihr seid heute zu dritt, Konne, Lisa, Moritz. Lisa, Du bist auch von Anfang an mit dabei. Was ist in den letzten Jahren alles passiert? Was wurde Dir erzählt? Was läuft schief? Oder: Was läuft gut?"

Lisa, Freiwillige vom Infomobilprojekt: "Die Menschen versuchen, Lösungen zu finden, um da rauszukommen, und fragen, wie sie dagegen vorgehen können, dass sie so lange in diesen Lagern leben müssen. Wir kennen Leute, die leben schon zweieinhalb Jahre dort. Vor Kurzem gab es einen großen Skandal, vor einem Monat etwa, es wurde weniger Geld ausgezahlt, die Leute haben auch gar nicht verstanden, warum, was jetzt hier los ist. Die bayerische Regierung möchte jetzt vor allem umsteigen auf Sachleistungen und kein Geld mehr auszahlen."

Euronews: "Moritz, große Lager oder dezentrale Unterbringung? Die bayerische Staatsregierung sagt ja, große Lager, die sind besser, es geht schneller, man hat alle Serviceleistungen vor Ort und diese Ankerzentren, wie sie genannt werden, sollten ein Modell sein für ganz Europa. Was ist denn Eure Meinung dazu?"

Moritz, Freiwilliger vom Infomobilprojekt: "Also wir sind klar gegen diese Lager. Dort passieren ganz viele menschenverachtende Sachen. Mit den Leuten wird nicht gut umgegangen und die Lager produzieren eigentlich mehr Probleme als dezentrale Unterbringung. Die Leute kommen untereinander in Stress, es gibt Streitigkeiten, weil so viele verschiedene Menschen auf so engem Raum zusammengehalten werden."

Euronews: "Kontantin, Du hast aufmerksam zugehört. Ich habe das Gefühl gehabt, Du willst da auch noch einen Punkt anbringen."

Konstantin, Freiwilliger vom Infomobilprojekt: "Also die Leute leben unter der ständigen Angst der Abschiebung. Wöchentlich kommen Polizeiwagen und holen Menschen ab. Das bekommen die Leute mit, nachts zwischen 4 und 5 Uhr wird es immer laut, die Leute bekommen das mit. - Die Türen können nicht abgeschlossen werden, die Waschräume können nicht abgeschlossen werden, was eine permanente Bedrohung und Unsicherheit für die Menschen bedeutet."

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